In den letzten Jahren sind viele wunderbare Orte entstanden, an denen Menschen zusammenkommen, tanzen, Musik hören, Neues kennenlernen und für einige Tage aus ihrem Alltag aussteigen können. Auch das Zuvuya Flow Festival ist ein solcher Ort, und trotzdem ist mir immer bewusster geworden, dass wir etwas anderes erschaffen möchten.
Wir möchten keinen weiteren Ort schaffen, an dem Menschen hauptsächlich konsumieren, an dem ein Programmpunkt den nächsten jagt, wir uns beschallen, unterhalten und inspirieren lassen und am Ende mit vielen Eindrücken wieder nach Hause gehen. Nicht weil daran etwas falsch wäre, sondern weil uns eine andere Frage interessiert: Was geschieht, wenn wir nicht nur Zuschauer unseres Lebens sind, sondern beginnen, es mitzugestalten?
Das Zuvuya Flow Festival möchte ein Erfahrungsraum sein, in dem Frieden nicht nur ein schönes Wort auf einem Flyer oder eine Idee ist, über die wir sprechen, sondern etwas, das wir miteinander erforschen und tatsächlich praktizieren. Das beginnt für mich beim einzelnen Menschen und bei der Bereitschaft, sich selbst zu begegnen, die eigene Komfortzone auch einmal zu verlassen, ehrlich zu kommunizieren, Verantwortung zu übernehmen und vielleicht über Grenzen hinauszuwachsen, die wir bisher für unverrückbar gehalten haben.
Auch Spiritualität möchten wir nicht einfach zur Schau stellen. Für mich zeigt sich Spiritualität nicht in der Kleidung, die wir tragen, in den Worten, die wir benutzen oder darin, wie viele Zeremonien wir kennen, sondern darin, wie wir leben und wie wir einander begegnen, gerade dann, wenn es unbequem wird. Gelebte Spiritualität zeigt sich eben nicht nur beim gemeinsamen Tanzen und in schönen Zeremonien, sondern spätestens dort, wo ein anderer Mensch uns triggert.
Gelebte Spiritualität bedeutet für mich Frieden in jeder Zelle und radikale Selbstreflexion statt Projektion. Das heisst nicht, alles im Aussen gutzuheissen oder keine Grenzen mehr zu setzen, sondern den Mut zu entwickeln, immer wieder auch bei sich selbst hinzuschauen: Was geschieht gerade in mir? Was fühle ich? Was hat das mit mir zu tun? Wo projiziere ich meine eigenen Verletzungen, Ängste und Erwartungen auf andere? Für mich beginnt genau dort eine andere Form des Zusammenlebens, denn wenn wir von Frieden sprechen, unseren eigenen inneren Krieg aber unbewusst in unseren Beziehungen und Konflikten weiterführen, bleibt Frieden letztlich eine schöne Idee.
Deshalb verstehen wir die Menschen, die zu Zuvuya kommen, nicht einfach als Besucherinnen und Besucher, sondern als Teil dessen, was während dieser Tage entsteht. Das Festival lebt von den Menschen, die bereit sind, sich einzubringen, einander zu begegnen und gemeinsam etwas zu erschaffen. Musik, Tanz, Körperarbeit und Stille gehören genauso dazu wie ein ehrliches Gespräch, eine helfende Hand, gemeinsames Essen oder eine Situation, die uns vielleicht herausfordert und aus unserer Komfortzone holt.
Und vielleicht geht es dabei auch um einen ganz anderen Umgang mit einem unserer grössten Reichtümer: unserer Lebenszeit. Wir haben gelernt, einen grossen Teil dieser Zeit in Geld umzuwandeln, Stunden gegen Lohn und Leistung gegen Sicherheit zu tauschen. Doch was geschieht, wenn wir für einige Tage aus dieser Logik aussteigen und beginnen, Zeit wieder in Kunst zu verwandeln? In Musik, Begegnung, gemeinsames Erschaffen, ein Bild für andere, einen Tanz, ein tiefes Gespräch oder etwas Verrücktes und Schönes, das keinen wirtschaftlichen Nutzen haben muss und gerade deshalb wertvoll sein kann.
Vielleicht brauchen wir für eine friedlichere Welt nicht einfach mehr Veranstaltungen, die uns für einige Tage vom Alltag ablenken. Vielleicht brauchen wir vielmehr Orte, an denen wir gemeinsam ausprobieren können, wie wir eigentlich leben und miteinander umgehen möchten, wenn wir nicht einfach die bekannten Muster unserer Gesellschaft wiederholen.
Das Zuvuya Flow Festival möchte ein solcher Ort sein: nicht als fertiges Konzept einer besseren Welt, sondern als gemeinsamer Erfahrungsraum, in dem wir uns selbst und einander begegnen, mitgestalten, über uns hinauswachsen und herausfinden können, was es tatsächlich bedeutet, Frieden nicht nur zu wünschen oder darüber zu sprechen, sondern ihn zu praktizieren.

