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Die Zeit * Ein Nachruf

Hetzen, eilen, rennen. Die Zeit rennt. Sie rinnt uns zwischen den Fingern hindurch, fliesst und fliesst, hastet davon, unaufhörlich tickt sie, weiter, weiter. Und wir rennen ihr hinterher. Hasten, tricksen sie aus, gewinnen Zeit, machen Zeit gut, brauchen und verschwenden sie wieder und wieder. Und die Zeit wird weniger, weniger, bis wir immer mehr davon verbraucht haben. Wie gerne möchten wir Tage ohne Zeit verbringen, uns nicht von ihr einbinden lassen, sie weit von uns schieben und nur noch leben, leben ohne das Ticken der Armbanduhr, das Schlagen der Kirchenuhr, alle fünfzehn Minuten schlägt sie, schlägt sich ins Gedächtnis der Zeit, zeigt uns mit jedem Schlag ein Stück der Vergänglichkeit. Und plötzlich haben wir viel, ganz viel davon; Zeit, Musse, Langeweile, und dann ist da nichts mehr, wir sind nicht mehr, weg sind wir und es bleibt die Zeit, noch war sie da, der Raster unseres Lebens, weg sind wir, weg vom Leben und dann merken wir plötzlich, dass uns die Zeit unsere besten Jahre genommen hat…

Am 1. Januar wurde zum 23. Mal der angesammelte Zeitfehler korrigiert. Eine Sekunde wurde eingeschoben, damit das kosmische Zeitgefüge nicht aus den Fugen gerät. Der Mensch hat die Zeit definiert, setzt sie einem physikalischen Vorgang gleich, passt sie seinen Vorstellungen an und glaubt, dass mit dem Einschub dieser kleinen Einheit der Zeit genüge getan wird. Denn die Zeit stimmt, sie ist immer exakt, seit Ewigkeiten ist sie da, definiert unser Dasein, umrahmt unsere Existenz, gibt uns Halt mit ihrem regelmässigen Ticken. Und immer tickt sie in gleichem Abstand, schlägt, zeigt uns, dass wir ihr schon lange hörig sind. Aber unsere exakte Zeit tickt nicht mehr richtig. Sie ist es leid geworden, sich zu drehen, zu laufen und mit ihrem Voranschreiten die Wunden der Menschheit zu heilen.

Die Zeit hatte genug, sie versagte ihren Dienst. Zuerst nur ganz zaghaft, denn ihr war bewusst, dass sie die Menschen verstören würde, wenn sie nicht mehr sagen können, dass sie jetzt ‚keine Zeit’ hätten. Doch die Zeit war es leid, zu ticken. Sie war es leid, von den Menschen missbraucht zu werden. Klar wollte sie ticken, klar wollte sie Ordnung schaffen und einen Rahmen bieten für Momente, in denen es einen solchen braucht. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, so beansprucht zu werden. Sie wurde ausgenutzt, ausgepresst, hatte keine Minute mehr für sich. Denn die Menschen fanden Gefallen an ihr, sie gewöhnten sich an sie, ordneten sich ihr unter und begannen sich nach ihr zu richten.

Zuerst geschah dies nur sporadisch. Dann begannen sie, immer um die gleiche Zeit zur Arbeit zu gehen und diese am Abend zur gleichen Zeit zu beenden. Sie wurde zu einem festen Bestandteil des Lebens der Menschen. Hatte sie nämlich erst einmal die Arbeit geregelt, wurde sie auch für die Freizeit beigezogen. Die Menschen trafen sich für ein ‚Stündchen’ auf einen Kaffee, gingen vierzig Minuten joggen, einen Nachmittag lang baden oder eine Woche in die Ferien. Dort wurde die Zeit immer besonders strapaziert. Obwohl die Menschen da alle Zeit der Welt hatten, durfte man diese nicht einfach verstreichen lassen, schliesslich hatte man sie sich verdient, also musste man sie nutzen, etwas mit ihr machen.

Die Zeit empfand das als sehr anstrengend; ständig wurde sie bemüht, musste in der Freizeit dahinplätschern und bei der Arbeit fliegen. Die Menschen begannen, sie zu hetzen. Mal wollten sie viel von ihr haben, dann wiederum behaupteten sie, dass sie keine hätten.

Die Menschen begannen, sich mit ihr zu messen, sie zu schlagen, gegen sie anzurennen. Manche kämpften gar gegen sie. Die Zeit aber hatte den Menschen nur Halt geben wollen. Doch diese entwickelten eine Sucht, dann wieder eine Aversion gegen sie, wollten nicht mehr ohne sie sein, verfluchten sie aber gleichzeitig und wollten sich nicht von ihr geschlagen geben.

Die Zeit verstand nicht. Sie hatte geholfen und nun wurde sie ausgenutzt und für vieles verantwortlich gemacht. ‚Keine Zeit’, wurde oft behauptet, obwohl sie doch immer da war. Die Zeit, im Charakter feingliedrig, nahm sich das alles sehr zu Herzen und vergrämte dabei immer mehr. Sie wurde depressiv ob der vielen Anschuldigungen und Vorwürfe und zog sich immer mehr zurück. Die Menschen merkten dies am Anfang nur am Rande. Man führte die Zeitkorrekturen ein, mit denen man die Versäumnisse wieder ins Lot brachte. Doch die Zeit erholte sich nicht mehr. Die Menschen trampelten immer mehr auf ihr rum. Sie nahm sich das so zu Herzen, dass sie irgendwann einfach nicht mehr konnte. Sie begann, herumzutrödeln, umherzuschlendern. Sie fand Gefallen daran, sie genoss es, nicht mehr pünktlich zu ticken. Sie plätscherte nur noch dahin, genoss ihre Stunden, kostete die Minuten aus und liebkoste die Sekunden. Ganz langsam und sanft wurde ihr Ticken. Sie tickte so zart und leise, und immer leiser und zarter, bis sie in völligem Frieden mit sich nur noch ganz leicht vor sich hintickte, bis sie auch dies plötzlich nicht mehr tat und ganz einfach still stand.

Da blickten die Menschen auf, hörten auf zu arbeiten, zu lesen, zu sprechen. Sie hatten bemerkt, dass es leise geworden war. Und da war plötzlich diese unsägliche Leere. Ohne die Zeit waren die Menschen haltlos, schwebten in luftleerem Raum. Und wünschten sie sich zurück. Doch die Zeit war weg. Sie war weg und kam nicht wieder. Und die Menschen wünschten sich, sie wären achtsamer mit ihr umgegangen.

» Weitere Informationen über Andrea Fabienne findest du auf ihrer Website : www.andrea-grossen.ch

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